Gesundheitstipp des Monats


Alter und Medikamente
verträgt sich das ?

Die Jugend ernährt sich von Träumen, das Alter von Erinnerungen und Medikamenten (abgewandeltes japanisches Sprichwort)

Häufig enden heute Krankenhaus-Entlassungsberichte mit der Empfehlung :
Rampril 5mg 1-0-0, Metoprolol 47.5 1-0-1, ASS 100 1x1, Plavix 75 mg 1-0-0, Simvastatin 30mg abends 1, Pantoprazol 40mg 1x1, Metformin 850 2x1 und zusätzlich die häusliche Medikation einzunehmen.

gtWenn der Patient dann das Pech hat zusätzlich zu seiner koronaren Herzkrankheit, Bluthochdruck und Diabetes noch unter Osteoporose und chronischen Schmerzen zu leiden, kommen zu diesen Medikamenten noch gut 2-3 Präparate dazu, ganz zu schweigen von den Medikamenten, die der Patient ohne das Wissen der behandelnden Ärzte konsumiert. So ergeben statistische Erhebungen, dass 65- Jährige 4 ½ verschiedene Arzneimittel pro Tag einnehmen. Im Alter treten Arzneimittel-Nebenwirkungen aber 2-3 x häufiger auf als bei jungen Patienten und diese Nebenwirkungen sind dann häufig der Grund für Krankenhauseinweisungen.

Was macht jetzt die medikamentöse Behandlung im Alter so problematisch (Polypharmakotherapie bei Multimorbidität ) ? Ursachen für die Problematik sind die Zunahme der Erkrankungen im Alter, so leidet jeder 2. über 75 Jahren unter Bluthochdruck, jeder 4. an Diabetes mellitus, jeder 10. an Herzinsuffizienz und jeder 12. an COPD. Ferner klagen fast alle über zumindest wiederkehrende Gelenkbeschwerden und/oder Wirbelsäulen-Beschwerden. Wenn man diese Diagnosen und Symptome einzeln betrachtet und Leitlinien gerecht behandelt, kommt man schnell auf ein Dutzend Medikamente. Wobei man weiß, dass bei Einnahme von mehr als 3 Präparaten niemand mehr genau sagen kann, wie sie sich beim einzelnen Individuum eventuell gegenseitig beeinflussen. Im Alter kommen zu dem noch spezifische Probleme dazu.

So nimmt im Alter die Muskelmasse ab, der Körperfettanteil nimmt um 30 % zu und gleichzeitig der Wasseranteil um 30 % ab. Die Arzneimittel finden demnach andere Verteilungsräume vor als beim jungen Patienten. Zudem findet man im Alter oft einen Eiweißmangel (Albumin) , so dass Medikamente mit einer hohen Eiweißbindung sich ganz anders verhalten als bei jungen Menschen. Im Alter nimmt auch die Leberfunktion ab (unsere körpereigene chemische Fabrik), Arzneimittel werden schlechter verstoffwechselt oder bei sogenannten Prodrugs gar nicht in ihre wirksame Form überführt. Auch unsere körpereigene Kläranlage  (Nieren) funktioniert nicht mehr optimal. Die sogenannte GFR (glomeruläre Filtrationsrate ) gibt an wieviel ml Blut die Nieren in einer Minute reinigen können und diese Filterleistung nimmt im Alter kontinuierlich ab und beträgt bei Älteren oft nur noch 40ml statt 120ml. Dies bedingt, dass Medikamente, die überwiegend über die Nieren ausgeschieden werden, in reduzierter Dosis verabreicht werden und die Nierenleistung/Blutsalze regelmäßig überprüft werden müssen. Der Schlafwach-Rhythmus ist im Alter oft verändert und kann bei Gabe von muskelentspannenden Mitteln und Schlafmitteln die Sturzneigung erhöhen. Ferner können Sehstörungen z.B. Grauer Star und Akkomodationsstörungen zu Verwechslungen bei der Arzneieinnahme führen.

Die zunehmende Vergesslichkeit bei Demenz führt nicht selten dazu, dass Medikamente auch wenn sie vorportioniert sind in sogenannten Dispensern gar nicht oder doppelt genommen werden.

Ein großes Problem sind die ständig wechselnden Krankenkassenverträge mit Arzneimittelfirmen, so dass der Patient z.B. einmal Delix 5mg Tabletten bekommt, das nächste Mal Ramipril 5mg von Hexal und später RamiLich 5mg. Wenn es dumm läuft nimmt er alle drei Präparate gleichzeitig ein, weil alle Packungen und
alle Tabletten anders aussehen, obgleich sie den gleichen Wirkstoff enthalten. Erschwerend ist die häufige Selbstmedikation durch Präparate, die sich der Patient in der Apotheke besorgt ( sogenannte over the counter Präparate ). Nicht selten passiert hier, dass der Kranke sich ein Mischpräparat gegen Schmerzen besorgt, das Aspirin enthält obwohl er wegen seiner KHK schon ASS 100 einnimmt, was die Gefahr von Magengeschwüren erhöht. Ein großes Problem sind auch Johanniskrautpräparate ,die häufig gegen depressive Stimmungsschwankungen eingenommen werden und auf das sogenannte Cytochrom P450 System in der Leber massiv einwirken. Eine Enzymfamilie, die in Leber für den Abbau bzw. Umbau von Medikamenten zuständig ist und durch Abschwächung oder Verstärkung zu Über- oder Unterdosierung von Medikamenten führen kann. Eine Liste, die alle im Alter problematischen Medikamente enthält, kann im Internet eingesehen werden             ( Priscus Liste ).

Aus all diesem könnte man nun resigniert den Schluss ziehen am besten gar keine Medikamente einzunehmen.

Die hausärztliche Kunst besteht nun aber darin zwischen der Maximaltherapie nach Leitlinien und einer Unterversorgung diejenige Medikation herauszufinden, die der einzelne Patient ohne große Nebenwirkungen verträgt und die seine Lebensqualität und Lebenserwartung verbessert. Man muss auch einmal den Mut haben bei multiplen Beschwerden und Nebenwirkungen ein Arzneimittelfasten bzw drug-holiday durchzuführen und mit dem Patienten besprechen, dass einfach gewisse Beschwerden und Befindlichkeitsstörungen beim Altern dazu gehören und nicht immer einer Medikation bedürfen.

Jeder der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen und Neues zu entdecken, wird nie alt werden.
                                 ( modifiziert nach F. Kafka )

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